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Schriftarmut

(rb) Handschriftlich Geschriebenes gilt mittlerweile als exotisch. Selbst private Briefe erden heute zunehmend mit dem Computer geschrieben. Die Kurzmitteilungen, die sich besonders junge Menschen den lieben langen Tag mit ihren hochgerüsteten Mobiltelefonen schicken, sind eine wilde Kombination aus Wortfetzen, Zahlen und Satzzeichen. Da fällt der um sich greifende Mangel an Rechtschreibkenntnissen nicht weiter auf. Wenn es hoch kommt, wird die Ansichtskarte aus dem Urlaub noch mit der Hand geschrieben. Grußkarten zum Geburtstag oder zu anderen feierlichen Anlässen sind in schmucker Volltextversion zu haben: nur noch den Namen der Beschenkten und den eigenen einsetzen, fertig. Lediglich in besseren Kreisen wird das
handgeschriebene Wort noch immer hochgehalten. Ge- oder ausgedruckte Grußworte und persönliche Briefe sind hier nach wie vor verpönt.
Handschriftliches mutiert in Deutschland zur überkommenen Kulturtechnik und Exklusivität. Für diese Entwicklung sind nicht nur das föderale Bildungssystem und die unzähligen selbst ernannten Reformpädagogen verantwortlich, sondern auch die vielen Eltern, die es sich und ihren Kindern so leicht wie möglich machen wollen, durch die Schule zu kommen. Dabei ist die Handschrift neben dem Fingerabdruck das Individuellste, das ein Mensch zu bieten hat. Die Persönlichkeit spiegelt sich darin wider. Nicht ohne Grund wollen Arbeitgeber wieder vermehrt handgeschriebene Lebensläufe von Bewerber/innen sehen. Gleichzeitig vernachlässigen die Schulen seit den 1970-er Jahren Rechtschreibung und Schriftbild.
Seinerzeit wurde die vom Göttinger Grundschullehrer Heinrich Grünewald entwickelte „Vereinfachte Ausgangsschrift“ neben der seit Mitte der 50-Jahre geltenden „Lateinischen Ausgangsschrift“ an den Grundschulen eingeführt. Die „VA“ hat aus heutiger Expertensicht bereits Generationen von Kindern den Übergang von der Druck- zur Schreibschrift erheblich erschwert. Die DDR entwickelte 1968 ebenfalls eine vereinfachte Schreibschrift, die „Schulausgangschrift“. Heute kann jede Lehrerin, jeder Lehrer an einer deutschen Grundschule frei unter diesen Schreibschriften wählen. Die Kultusministerkonferenz verlangt lediglich, dass die Kinder am Ende der vierten Klasse flüssig, formklar und gut lesbar schreiben können. Das Ergebnis ist niederschmetternd: Noch nie hatten so viele Kinder, insbesondere Jungen, Probleme mit dem Schreiben selbst, ihrer Handschrift und der Rechtschreibung wie heute.
Jetzt soll eine vierte Schrifttechnik Abhilfe schaffen, die mittelfristig die anderen drei Schreibweisen ablösen und endgültig Schluss machen soll mit dem Verbinden von Buchstaben – zugunsten eines uniformen Druckschriftbilds. Eine gruselige Vorstellung, die zunehmend Anhänger findet und an Hamburgs Grundschulen jüngst eingeführt wurde. Die sogenannte „Grundschrift“ wird seit geraumer Zeit massiv von dem in Frankfurt ansässigen „Grundschulverband e.V.“ beworben, bundesweit. Unklar ist, wer hinter diesem Verband steckt und welche Interessen ihn leiten. Die Idee der Grundschrift ist, dass alle Kinder nur noch eine gerade stehende Druckschrift aus einzelnen Buchstaben lernen, die teilweise nahe zusammenrücken. Eine kursive Schreibschrift, in der alle Buchstaben eines Wortes verbunden werden, würde überflüssig.
Wem nützt das? Den Kindern sicher nicht. Das Schreiben einzelner Buchstaben dürfte noch weniger dabei helfen, eine flüssige Handschrift zu entwickeln, als es die Vereinfachte Ausgangsschrift schon nicht vermochte. Wer profitiert aber dann von der propagierten Einheits-Stakkato-Schrift? Verlage und Autoren auf jeden Fall. Texte in Schreibschrift müssen für den Abdruck in Büchern mit der Hand geschrieben und reproduziert werden. Das ist teuer in der Herstellung. Die vereinfachte Ausgangsschrift kann wie andere Satzschriften vergleichsweise kostengünstig produziert werden. Die neue „Grundschrift“ begünstigt die preiswerte Produktion von Lehrmaterialien enorm. Die Kultusminister wären gut beraten, die flächendeckende Einführung dieser ärmlichen Schrifttechnik zu verhindern. Es kann und darf nicht sein, dass das Erlernen flüssigen Schreibens und die Chance unserer Kinder, eine persönliche Handschrift zu entwickeln und sich dabei intensiv mit dem Schreiben auseinanderzusetzen bzw. es leicht zu erlernen, wie auch immer gearteten Interessen untergeordnet werden. Die Bildungspolitiker im Land sollten die Mahnungen von Sprachschützern wie der „Aktion Deutsche Sprache“ aus Hannover vor dem Untergang der Schreibschrift ernstnehmen und dafür sorgen, dass sie weiterhin an den Schulen gelehrt wird. bri
(Kommentar aus rundblick - Nord-Report v. 25. Januar 2012)


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