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Ein "Friedhof der Wörter"

Chefredakteur Raue: Hier werden unsinnige und unnütze Wörter beerdigt / Sprache und Medien – Verantwortung der Presse für Pflege und Schutz der deutschen Sprache / Verständlichkeit als demokratische Tugend

Als Auftakt zum „Tag der deutschen Sprache“, der am 12. September 2009 in Deutschland begangen worden ist, hatte die Aktion Deutsche Sprache e.V.(ADS) in Hannover zwei Tage vorher bei ihrem traditionellen Sprachtreff den Chefredakteur der Braunschweiger Zeitung, Paul-Josef Raue, zum Thema „Sprache und Medien – die Verantwortung der Presse für Pflege und Schutz der deutschen Sprache“ zu Gast. Chefredakteur Raue, der wenige Tage vorher den „Deutschen Lokaljournalistenpreis“ der Konrad-Adenauer-Stiftung von Bundespräsident Horst Köhler im Braunschweiger Dom vor über tausend Gästen entgegen nehmen konnte und damit, wie ADS-Vorsitzender Dr. Hermann Neemann in seiner Begrüßung sagte, den Ritterschlag des deutschen Journalismus erhielt, ist mit Leib und Seele ein Freund und Schützer der deutschen Sprache. Das macht er u.a. dadurch deutlich, dass er seit langem jeden Mittwoch in der Braunschweiger Zeitung seine Kolumne „Friedhof der Wörter“ schreibt.
„Als wir in unserer Zeitung darüber nachdachten, wie wir einen Sprachgarten anlegen können, kam uns die Idee, in jeder Woche ein Wort zu pflegen – oder ein unmögliches Wort zu beerdigen. So entstand die Kolumne „Friedhof der Wörter“. Über hundert sind inzwischen erschienen. Sie umkreisen Wörter, die ich am liebsten beerdigen möchte, aber auch Wörter, die schön sind, aber aus der Sprache verschwanden“, sagte Raue beim ADS-Sprachtreff in Hannover. „Die Texte sind kurz, sie sollen Freude an unserer deutschen Sprache wecken, und vor allem sollen sie schwer verständlichern Unsinn brandmarken, unbedachte Wörter ebenso wie Anglizismen.“
Es gehöre zur Verantwortung der Presse, sich um Klarheit der deutschen Sprache und um Verständlichkeit zu bemühen, sagte Paul-Josef Raue weiter, zuerst in der eigenen Zeitung, dann in der Öffentlichkeit, vor allem in der Politik, und schließlich im Umgang der Bürger mit mächtigen Institutionen, sei es das Finanzamt, eine Versicherung, das Rathaus oder die Polizei. „Es gehört zur Verantwortung von Journalisten, sorgsam mit der Sprache umzugehen. Wir haben nicht anderes, von Bildern und Gestaltung abgesehen, als die Sprache.“
So schrieb Raue in einer Kolumne: „Wörter und Bilder sind der Kraftstoff unserer Kultur, ohne sie kommen wir nicht vorwärts, entwickeln wir kein Tempo, bleiben wir einfach stehen. Leser ärgern sich und sehen in mir einen Feldherrn, der ohne Sinn und Verstand gegen den Einfluss fremder Sprachen kämpft. Andere freuen sich, wenn sie einen Sprachfehler in dieser Sprachkolumne entdecken. Doch die meisten spielen einfach mit, graben alte Wörter aus, erfinden neue, weisen auf unnütze und unverständliche, gar garstige Wörter hin.“ Bisweilen müsse er sich den Vorwurf gefallen lassen, Kritik an Anglizismen sei von gestern, gefährde die Entwicklung unserer Sprache, ja, er sei ein Museumswächter. Dabei gehe es ihm allein um die Verständlichkeit.
Verstehen die meisten Menschen ein englisches Wort, dann sei es willkommen; wenn nicht, gehöre es auf den Friedhof. Allerdings führe der Klang eines englischen Wortes öfter zum Verstehen als wenn es geschrieben werde. Viele, ob sie des Englischen mächtig sind oder nicht, verstünden beispielsweise das Wort „highlight“, aber geschrieben als „hiklikt“ schrecke es jeden ab, der nicht englisch schreiben und lesen kann. Im Radio könne es einen Sinn haben, aber in der Zeitung müsse es auf der Verbotsliste stehen. Nur wenn das englische Wort annähernd so gesprochen wird wie geschrieben, könne es der besseren Verständlichkeit dienen. „Also: Kein Feldzug gegen das Internet oder die Bar, gegen den Grill und den Sex, gegen Hobby und Party, Sport und Test. Selbst bei Steak, Training oder Toast fragt man sich, ob das wirklich Anglizismen sind.“
Und Paul-Josef Raue meint auch, selbst wer unsere Sprache hüten will, wer sie sorgsam pflegt, weil sie ein hohes Gut ist, der tappe bisweilen in seinem Übereifer daneben, wie ein Blick in die Sprachgeschichte zeigt, und wie er in einer Kolumne über das weihnachtliche „X-Mas“ darstellte. Zwar könne man das „X“ für Weihnachten als geschmacklose Abkürzung schmähen, doch schon die alten Griechen nutzten das X, das „chi“, als Abkürzung für Christus. Ihnen folgten die Mönche im Mittelalter, die oft ein Leben lang die Bibel mit der Hand abschrieben. Sie mochten diese alte Kurzschrift, die bei uns bis vor 200 Jahren erhalten blieb. Und in England heißt es bis heute „X-mas“.
Nach einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Forsa gibt jeder zweite Deutsche zu, er verstehe Englisch gar nicht oder nur schlecht. Je älter die Menschen sind, umso weniger Möglichkeiten hätten sie, Englisch zu lernen. „Unabhängig davon ist Deutsch eine der schönsten Sprachen der Welt – und eine Weltsprache dazu“, sagte Chefredakteur Raue. Aber das komme bei Volkswagen in Wolfsburg offenbar nicht an. Der Vorstandsvorsitzende Martin Winterkorn erklärte: „Volkswagen ist eben ein internationales Unternehmen, da kommen wir ohne englische Wörter nicht aus.“ Doch Chefredakteur Raue sagte in seiner Kolumne: „Nicht nur für Frauen ist Einparken ein Albtraum. Ein Auto, das selbständig in die kleinste Lücke fährt, ist ein Traum. Exzellente Techniker in Wolfsburg haben den Traum Wirklichkeit werden lassen. Es gibt die Park-Hilfe zu kaufen – mit englischem Namen „Parkassist“. Eine deutsche Erfindung, ein deutsches Produkt, ein deutsches Auto – doch wer’s kaufen will, muss englisch sprechen. Volkswagen meidet die deutsche Sprache, wo immer es unmöglich ist. Der automatische Abstand zu einem vorausfahrenden Fahrzeug heißt ACC oder „adaptive cruise control“. Und was bedeutet „Fuel stratified injection“? Man muss beim VW-Kauf schon ein englisches Fachlexikon mitführen. Doch ist VW nicht ein internationaler Konzern? Ja – aber in Frankreich oder in Spanien tritt VW mit englischem Kauderwelsch in der Werbung gar nicht erst an.“
Paul-Josef Raue hatte noch eine ganze Reihe solcher Beispiele seines „Friedhofs der Wörter“ auf Lager, vor allem auch aus der Werbung wie bei der Parfüm-Kette Douglas mit „Come in und find out“, wie beim Fernsehsender SAT 1 „Powered by emotion“, was zwei Drittel überhaupt nicht verstanden oder gar mit „Kraft durch Freude“ übersetzten, oder bei unserer Bundesbahn, die die deutsche Sprache am liebsten durch „Service Point“, „City Night Line“, „Intercity“, „Bahncard ( was korrekt „Railway Card“ heißen müsste) oder „Touch and Travel“ („Das ist wie Fummeln und Fahren“, machen sich selbst die Schaffner lustig) und dergleichen ersetzen oder komplett unter ihren Gleisen begraben möchte. „Die Bahn tut alles, um Liebhaber der deutschen Sprache in Friedhofsstimmung zu versetzen“, sagte Raue.
Abschließend betonte er: „Offenbar haben wir uns damit abgefunden, dass vor allem Politiker oft unverständlich sind oder uns mit Leerformeln abspeisen wollen. Da setzt die Aufgabe von Journalisten ein: Sie übersetzen Politiker-Kauderwelsch in die Sprache der normalen Bürger. Es geht um das Verständnis von Menschen, die Angst haben. Sprache ist eine demokratische Angelegenheit. Erfreulicherweise sind die Journalisten nicht mehr in der Minderheit, die unsere Sprache pflegen, verständlich schreiben und die Leser ernst nehmen. Wenn es auch noch gelingen sollte, dass Verständlichkeit zu einer demokratischen Tugend wird, dann werden wir unserer Verantwortung in der Tat gerecht.“ Rolf Zick



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