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Brief MdB Gitta Connemann

Gitta Connemann
Mitglied des Deutschen Bundestages
Vorsitzende der Enquete--Kommission "Kultur in Deutschland"
Wahlkreis Unterems
www.gitta-connemann.de


Aktion Deutsche Sprache e. V.
Herrn 1. Vorsitzenden
Dr. jur. Hermann Neemann
Lothringer Str. 33 B
30559 Hannover
Per Fax: 0511 2154098 EINGEGANGEN - 7. Juni 2007
Papenburg, 04. Juni 2007
Sehr geehrter Herr Vorsitzender, lieber Herr Dr. Neemann,
verzeihen Sie bitte, dass ich Ihnen erst heute für Ihr Schreiben vom 23. März 2007
danke. Aber nach der Veröffentlichung unserer Sprachinitiative habe ich so
viel Post erhalten, dass ich mit der Beantwortung etwas ins Hintertreffen geraten bin. Und in Ihrem Fall wollte ich mir ausreichend Zeit nehmen, da mich Ihre aufmunternden Zeilen sehr gefreut haben. Uns verbindet offensichtlich die Leidenschaft für unsere Sprache. Damit stehen wir nicht alleine da. Das Anliegen, unsere Sprache in ihrer ganzen Schönheit und Vielfalt zu leben, wird von vielen geteilt. Ich war erstaunt über die vielen zustimmenden Anrufe und Schreiben.
Nur in einem Brief fand sich eine Ablehnung mit der Begründung, die Politik solle sich doch mit Wichtigerem beschäftigen. Ich glaube aber, dass unsere Sprache ein außerordentlich wichtiges Thema ist. Denn es ist tagtäglich zu sehen, wie nicht nur durch die Verwendung von Anglizismen sondern auch anderer Fremdwörter zunehmend ganze Gruppen von Bürgerinnen und Bürgern ausgegrenzt werden. Dies beginnt schon beim Blick in die tägliche Fernsehwerbung, Da wirbt eine renommierte deutsche Süßwarenfirma für ein Pralinenprodukt mit den Worten "Time for Gold", eine bekannte Kosmetikfirma fordert zum Erwerb einer "pro-age beauty bodylotion". Zu später Stunde werden die meisten Zuschauer aufgefordert, "deal or no deal" zu sehen bzw. das nächste "Top-Model" auszuwählen. Von den vielen Beispielen in deutschen Bahnhöfen will ich schweigen. Es gibt viele Menschen, die diese Begriffe nicht verstehen können (wenn diese denn überhaupt präzise sind). Dabei handelt es sich keineswegs nur um Teile der älteren Generation, die in der Schule keinen oder kaum Englischunterricht hatten. Vielmehr gibt es zunehmend auch Jüngere, die aus unterschiedlichen Gründen Verständnisprobleme haben. Ihrer Ausgrenzung gilt es entgegenzuwirken. Diese findet übrigens ohne Not statt. Denn die deutsche Sprache stellt ja einen ausreichenden Wortschatz bereit.
Es scheint aber auch so zu sein, dass so mancher davor zurückscheut, weil er sich offensichtlich auf der Flucht vor sich selbst befindet. Unsere Sprache ist ureigenster Ausdruck unserer Nationalität. Sich zu dieser zu bekennen, wird leider von dem einen oder anderen mit "Deutschtümelei" bzw. "nationalistischem Gepräge" gleichgesetzt. Diese Haltung zeugt von einem mangelnden Selbstbewusstsein, für das gerade unsere ausländischen Freunde zu Recht kein Verständnis haben.
Es geht mir nicht um die vollständige Ausmerzung von Fremdwörtern. Denn Sprache lebt. Natürlich finden Wörter mit ausländischem "Stammbaum" in diese Sprache Eingang. Dies ist in der Vergangenheit ebenso gewesen (Restaurant, Portemonnaie etc), wie es in der Zukunft geschehen wird (Internet etc). Es geht mir und den anderen Mitinitiatoren nicht darum, wie in Frankreich jede ausländische Bezeichnung durch eine deutsche zu ersetzen. Aber dort, wo wir verständliche, griffige und ausdrucksstarke Bezeichnungen haben, sollten wir diese doch verwenden. Diese Aufforderung richte ich zunächst einmal an mich, an uns, die Politik.
Es geht mir persönlich dabei auch darum, die Reichhaltigkeit und Vielfalt unserer Sprache zu erhalten. Jahr für Jahr werden aus dem Duden Wörter gestrichen, da sie veraltet zu sein scheinen und nicht mehr im Sprachgebrauch gepflegt werden. Unsere Sprache verarmt zunehmend. Und dies betrübt mich besonders. Sicherlich bedarf es darüber hinausgehender Anstrengungen. Um Sprache leben zu können, muss diese auch vermittelt werden. Dies ist zunächst einmal Aufgabe der Familien, die heute aber manchmal überfordert scheinen. Ein Kind kann ohne Anleitung kaum die Sprache erlernen und damit die Welt entdecken. Denn Sprache ist immer mehr als ein Mittel der Verständigung. Es ist auch das Mittel zur Wahrnehmung seiner Welt. Das Kind, dem dieser Schlüssel vorenthalten wird, hat es nicht nur wesentlich schwieriger im Leben. Vielmehr werden ihm Möglichkeiten genommen, auf die es ein Recht hätte.
Deshalb engagiere ich mich übrigens als Vorlesepatin. Kinder und Jugendliche lassen sich so leicht begeistern, wenn man ihnen die Chance dazu gibt. Unsere Sprache ist wie eine Schatzkiste. Wer hineingreift, wird dort viele Juwelen finden. Aber wem sage ich das. Sie haben diesen Schatz ja schon lange selbst geborgen.
Dies zeigen Ihre Worte, für die ich Ihnen noch einmal danke. Sie geben Kraft, den eingeschlagenen Weg weiter zu gehen. Meine Kollegen und ich führen zurzeit Gespräche unter anderem mit Unternehmen wie der Deutschen Bahn. Insoweit erlaube ich mir, Sie auf die beigefügte Pressemitteilung zu verweisen. Nächste Treffen wie z. B. mit Vertretern der Telekom sind in Planung. Die Widerstände sind durchaus erheblich. Aber steter Tropfen höhlt dann hoffentlich jeden Stein. Dafür bedarf es eines gemeinsamen Einsatzes. Jeder an seiner Stelle. Deshalb bin ich Ihnen und den Mitgliedern Ihres Vereins für Ihr Engagement auch außerordentlich dankbar. Insoweit unterstütze ich auch Ihre Forderung nach einer Verankerung. unserer Sprache im Grundgesetz. Eine entsprechende Ergänzung des Grundgesetzes z. B. mit dem Text "Die Sprache der Bundesrepublik ist Deutsch" hätte Signalwirkung.
Mit besten Grüßen und allen guten Wünschen
Ihre Gitta Connemann


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