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Gefährdete Muttersprache

Anmerkungen zum gedankenlosen Umgang mit Wörtern.
 
Keine Sorge oder (zu viel) Volks-Für-Sorge

Die Ballade „Die Füße im Feuer" von Conrad Ferdinand Meyer beginnt damit, dass ein Reiter in stürmischer Gewitternacht in einem Schloss Schutz sucht und sich als Kurier des Königs vor­stellt.. Der Schlossherr antwortet: „Es stürmt. Mein Gast bist du. Dein Kleid, was kümmert's mich? Tritt ein und wärme dich! ich sorge für dein Tier."
Ein Mensch ist in Not, ein anderer hilft und sorgt für das Notwendige, ein schlichter Akt mitmenschli­cher Fürsorge. Wenn mehrere oder gar sehr viele Menschen betroffen sind, reicht spontane Hilfe einzel­ner nicht aus, Institutionen wie Feuerwehren und Rettungsdienste treffen für solche Fälle Vor-Sorge. So hieß es etwa in einem Zeitungsbericht über ein schweres Erdbeben in Iran: „Deutsche Hilfskräfte sorgten für schnelle Unterbringung der Verletzten in Behelfskrankenhäusern."
 
„Keine Sorge - Volksfürsorge" ver­spricht ein großer Versicherungs­konzern seinen Kunden, d.h. für sie zu sorgen, wenn sie nicht mehr für sich selbst sorgen können, weil sie krank oder alt sind - wenn sie denn regelmäßig entsprechende Beiträge zahlen.
 
Wer aber aufmerksam die tägli­chen Nachrichten in Zeitungen, Rundfunk und Fernsehen liest und hört, kommt aus dem Staunen nicht heraus, wer überall in der Welt für etwas sorgt. Hier einige Beispiele, aus der Braunschweiger Zeitung und Internet-Nachrichten zum Nach­denken, Ärgern oder Schmunzeln:
„Mit einer Flugreise haben (Fußballstar) Lucas Podolski und seine Mannschaft für Kopfschüt­teln gesorgt."
„Für einen Großeinsatz der Polizei sorgten eine 38jährige Braunschweigerin und ihr Hund."
„Falsches Parken sorgte für Unfall mit Verletzten."
„Für zusätzliche Engpässe in der Versorgung sorgten inzwischen Tausende von neuen Flücht­lingen."
Hier handelt es sich nicht um Fälle von Fürsorge, sondern von unbeabsichtigten Folgen, deren Ursache unbedachtes Verhalten ist, aber in diesen Fällen immerhin von Menschen, anders als in die­sen Nachrichten:
Mehr als 1500 Hühner irrten auf der Autobahn umher und sorgten für ein Verkehrschaos." „Ein Schokoladenbär sorgt für Aufruhr und dafür, dass Haribo vor Gericht zieht."
 
Immer wieder aber sind es Naturgewalten oder missliche Sachverhalte, denen Journalisten fürsorgliche Absichten zu unterstellen scheinen:
„Sintflutartige Regenfälle" oder auch „Glätte und Schnee sorgten für ein Verkehrschaos." „Der Müll um so genannte Wertstoff-Inseln sorgt in der Weststadt für ein Rattenproblem." „Verkehrsregelung am Rüninger Weg sorgt für Verunsicherung." „Kompetenz- Wirrwarr sorgt für groteske Pannen bei der Stadtreinigung."
 
Geradezu unmenschlich wird der Begriff „Fürsorge" in diesem abschließenden Beispiel (aus „Der Spiegel" Nr.35/2003) missbraucht, weil er in makabre Nähe zum Begriff ent-sorgen gerät, ursprünglich das Gegenteil von ver- oder be-sorgen:
„Die beklemmende Hitze sorgte für ein unvorstellbares Massensterben bei ... den Alten und Einsamen."
Was meinen Sie: Handelt es sich um einen allmählichen Bedeutungswandel, an den wir uns gewöhnt haben und den man nicht verhindern kann, oder sollten, um einen gedankenlos inflationären Missbrauch, wie er parallel dazu dem Begriff „Verantwortung" widerfährt, zu verhüten, Journalisten oft zur Abwechslung "sorgen... für" benutzen?:
„Verantwortlich für das schlechte Wetter und die chaotischen Zustände auf den Straßen war das inzwischen nach Osten abgewanderte Tief Dora." Wer wohl das arme Tief Dora dafür zur Verantwortung zieht, dass es für schlechtes Wetter und chaotische Zustände "gesorgt" hat?
 
Merke: Nur Menschen können für etwas sorgen und verantwortlich sein, z. B. für mangelnde Fürsorge oder falschen Gebrauch dieser Wörter.

Prof. Dr. Ernst-August Roloff

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