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"Political correctness"

Wenn Zigeuner Zigeuner heißen wollen
Die drei Denkfehler der Politischen Korrektheit

Mit dem Lehrling fing alles an! Der sollte nämlich ab Mitte der 1970er Jahre nicht mehr so heißen, wie er hieß. Denn es sei, so meinten die Schöpfer und Anhänger der Umbenennung mit Hilfe einer neuen Wortschöpfung, eine Erniedrigung, einen Menschen als Lehrling zu bezeichnen. Und so bekam er  – ohne selber gefragt zu werden, versteht sich – den Namen AZUBI, eine Abkürzung von „Auszubildender“. Wer weiterhin die alte Bezeichnung verwendete, wurde der Diskriminierung bezichtigt und nun selbst diskriminiert. Die Frage, ob es nicht schon aus ästhetischen Gründen wesentlich erniedrigender ist, einen Menschen als AZUBI zu bezeichnen, wurde dabei nie gestellt.
Heute hieße es bestimmt, aus Gründen der „political correctness“  – oder übersetzt:  der „Politischen Korrektheit“ – war es notwendig, den Namen zu ändern.  Doch diesen Ausdruck gab es Mitte der 1970er Jahre noch gar nicht, und wenn es ihn gegeben hätte, wären er und seine Anwendung damals genauso falsch gewesen wie heute. Denn dem Begriff „Politische Korrektheit“ liegen drei entscheidende Fehler inne.

1. Was ist an Politischer Korrektheit korrekt?
Erstens unterstellt der Ausdruck „Korrektheit“ die Richtigkeit des Handelns, in diesem Falle also der Namensänderung. Das aber kann durchaus bezweifelt werden, wenn wir uns das große Spektrum der Namensänderungen betrachten. Zwei Beispiele möchte ich nennen: Wer heute Zigeuner noch als solche benennt statt als Roma oder Sinti, wird schnell als Rassist bezeichnet. Doch sind die beiden Bezeichnungen wirklich korrekt? Immerhin ist diese Doppelbezeichnung selbst innerhalb der Sinti nicht unumstritten. So empfiehlt die „Sinti Allianz Deutschland“ als Oberbegriff „die Jahrtausende alte Bezeichnung Zigeuner“ zu verwenden, weil die Doppelbezeichnung ungeeignet sei, wirklich alle Zigeunergruppen zu erfassen. Ich erinnere mich in diesem Zusammenhang noch an ein Gespräch im Deutschlandfunk mit einer Funktionärin der Sinti, die „frisch und frei“ erklärte, man dürfe sie ohne Probleme als Zigeunerin bezeichnen. Was ist hier also korrekt?
Nehmen wir als weiteres Beispiel das Wort „Neger“. Ohne Zweifel haftet ihm in Deutsch-land ein sehr negativer, diskriminierender Beiklang an. Meine Generation hat nicht vergessen, wie die nach dem Krieg überwiegend aus Amerika stammende Musik als „Negermusik“ bezeichnet wurde. Das war, wenngleich historisch und sachlich gesehen richtig, nicht als Auszeichnung zu verstehen gewe-sen. Doch ist „Farbiger“ etwa korrekt? Mit Schmunzeln denke ich an eine Diskussion über dieses Thema auf dem Köthener Sprachfest 2009, als ein Schwarzafrikaner bemerkte, daß aus seiner Sicht wir, die Weißen, Farbige seien (wobei am Rande bemerkt sei, daß weder Weiß noch Schwarz Farben sind). Was also ist hier korrekt?
Und was ist mit dem Ausdruck Eskimo? Hier wird von mir erwartet, diese ethnische Gruppe als Inuit zu bezeichnen, weil Eskimo (angeblich) übersetzt „Rohfleischesser“ heißt und somit erniedrigend sei. Laut SPIEGEL vom 17. Januar glaubt die kanadische Anthropologin José Mailhot, daß Eskimo ledíglich „Menschen, die eine andere Sprache sprechen“ bedeutet. Auch in diesem Fall konnte ich nur mit einem Schmunzeln zur Kenntnis nehmen, wie ein Eskimo in einem Anfang Januar dieses Jahres ausgestrahlten Beitrag des Senders "arte" über sein Volk von Eskimos redete.

2. Was ist an Politischer Korrektheit politisch?
Zweitens – und vor allem – was ist daran politisch? Mit der Übernahme dieses aus dem amerikani-schen Englisch kommenden und in den 90er Jahren eingeführten Ausdrucks wurde wieder einmal ein Begriff übernommen, der nicht nur ein weiteres deutsches Wort vernichtet, sondern uns auch eine amerikanische Denkweise aufzwingt. Denn mit diesem mittlerweile modischen Schlagwort geht es vor allem um sprachliche Formulierungen, selbst wenn sie mit Politik im eigentlichen Sinne nichts zu tun haben.
Sollte ich etwa einen Zigeuner aus politischen Gründen, seien sie nun korrekt oder inkorrekt, als Rom oder Sinto bezeichnen, eine Zigeunerin als Romni oder Sintizi? Den Neger aus eben diesen Gründen als Farbigen oder Afro-Amerikaner (wenn er denn Amerikaner ist) bezeichnen und den Eskimo einen Inuk? Nein! Und dafür gibt es einen erstaunlich einfachen Grund: Ich vermeide diese Ausdrücke aus Anstand, und nicht aus Politischer Korrektheit, weil es diese eben gar nicht gibt! Denn hier werden keine politischen Sensibilitäten verletzt (wie sollte ich mir das auch vorstellen?), sondern schlicht und ergreifend individuelle Gefühle.
Wenn sich also ein Mensch durch eine Bezeichnung diskriminiert fühlt – bleiben wir beim Beispiel Zigeuner – weil er zur ethnischen Gruppe der Sinti gehört, und er es selber so wünscht, bedarf es doch wohl keiner Diskussion, ihn auch als Sinto zu bezeichnen. Das wäre in diesem Fall möglicherweise sogar „ethnisch korrekt“, auf alle Fälle aber ist ein Gebot der Moral, die Gefühlswelt der Betroffenen zu achten. Ganz abgesehen davon, daß auch für andere das gilt, was uns vom Grundgesetz garantiert wird: Die Würde des Menschen ist unantastbar! Nur – haben diejenigen, die uns die neue Wahrheit in Form von sogenannter „Politischer Korrektheit“ glauben aufpfropfen zu müssen, eigentlich die Betroffenen gefragt? Hinsichtlich der Eskimos kommen bei mir doch erhebliche Zweifel auf, und die Lehrlinge wurden  mit Sicherheit nicht gefragt. 

3. Politische Korrektheit löst keine Probleme
Drittens, und das ist für mich der wichtigste Punkt: Ob vom Betroffenen gewünscht oder von einer dem vorauseilenden Gehorsam verpflichteten Schicht aufgezwungen: Das Problem, das dem Objekt des alten und nun geänderten Namens angeblich innewohnt, ist mit der Änderung einer Bezeichnung nicht gelöst, solange sich in den Köpfen der Menschen nichts ändert! Dem Volk wird mit der Tabuisierung und Zensur von Wörtern lediglich Sand in die Augen gestreut, womit es sich als hervorragendes Verschleierungswerkzeug erweist. So hat sich die Lage der Lehrlinge durch die Namensänderung nicht im geringsten verändert, und wer Vorurteile gegenüber Zigeunern und Eskimos hat, wird sie auch gegenüber Sinti, Roma und Inuit haben.
Wir müssen also die Probleme, zum Beispiel die diskriminierende Einstellung von Teilen der Bevölkerung gegenüber anderen ethnischen Gruppen, ganz woanders anpacken und bewältigen. Mit der Namensänderung ist es nicht getan, zumal, wenn es sich um Bezeichnungen aus einem anderen Sprach- und Kulturraum handelt, die in sich unrichtig sind. Greifen wir wieder in unseren eigenen Sprachschatz, er stellt uns genügend korrekte Wörter  zur Verfügung.

Wolfgang Hildebrandt

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